Die 25 Zwerge in Kangemi

Woche 5/6

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Montag der 03.09, morgens um etwa 06:30: Mit einem metallischem Geräusch entlässt der Toaster die beiden Scheiben Weißbrot aus seinen Fängen und die Küche füllt sich mit dem intensiven Geruch von leicht angebranntem Gebäck. Ich fluche! Über die exakte Toastzeit, die nach meinem Gusto nicht mehr als 1 Minute 30, Javiers Meinung nach dagegen mindestens zwei Minuten betragen darf, werden wir uns wohl erst noch einig werden müssen. Und während ich versuche den Toaster zu meinen Gunsten zu manipulieren wird der Verriegelungsbolzen des Eingangstores zum Gelände der Upendo Unit quitschend zur Seite geschoben.

Hereinspaziert kommt ein etwa 10 Jahre altes Mädchen, sieht sich einen moment lang suchend im Innenhof um und setzt sich mangels Gesellschaft alleine auf die steinerne Kante, die die Ebenen des abfallenden Geländes abtrennt. Sie schaut zwischen dem Hauptgebäude und den Nasszellen hindurch auf die dahinterliegenden größeren Gebäude des Stattteils Kangware, der sich bis zum Horizont erstreckt. Über ihn hat sich vor nur ein paar Minuten der orangene Sonnenball geschoben, dessen Licht nun auch in den Innenhof der Upendo Einheit fällt. Sie sieht ein wenig fehl am Platz aus, so alleine, ausgestattet mit ihrem Hausaufgabenbuch und der obligatorischen Uniform. Roter Pullover, blaues Kleid gefolgt von zerrissenen roten Kniestrümpfen und schwarzen Lederschuhen. Auch dabei: Eine rote Wollmütze, denn tatsächlich liegt in den frühen Morgenstunden immernoch der kalte Atem der Nacht auf Kangemi. Ich betrachte sie eine Weile, wie sie so da sitzt, fast schon ein bisschen verloren, dann reiße ich mich los und bringe die beiden Scheiben Toastbrot in den Aufenthaltsraum, wo unser Tisch steht. Mist, nur die Milch ist noch im Kühlschrank, also zurück  in die Küche. Diesmal bin es nicht ich, der starrt: Durch das Küchenfenster schauen mich zwei neugierige Augen an, die mich zu Tode erschrecken. Da es sich durch Glas nunmal schlecht sprechen lässt öffne ich das Fenster und werde vom Mädchen direkt mit den Worten „Can we make some Chapattis?“ begrüßt. In Ermangelung der dafür benötigten Zutaten, viel wchtiger aber noch, weil ich keinen Plan habe wie man die runden Teigfladen nun genau zubereitet muss ich das leider verneinen. Mit einem schlechten Gewissen vertröste ich sie auf 10 Minuten Wartezeit, bevor ich ihr Gesellschaft leisten kann und schlinge in Rekordzeit die beiden Toastbrotscheiben hinunter. Als ich die Küche nur kurze Zeit später mit dem dreckigen Geschirr betrete brauche ich eine Weile um das Mädchen erneut zu entdecken. Am Wassertank steht sie, mittlerweile auch nicht mehr allein. Drei weitere Schüler der Vorbereitungsklasse haben sich zu ihr gesellt, sie „kochen“ ein Gericht aus den Blättern der Hecke, Schmutzwasser aus der Abwasserrinne und den Karottenschalen vom Küchenabfall. Nach schnellem Zähneputzen mache ich mich auf sie zu begrüßen und trete hinaus in den kalten Morgen von Kangemi. Ich trete zur Gruppe der roten Zipfelmützen und wünsche allgemein einen guten Morgen in die Runde. Die Reaktion darauf ist erstmal verhalten, nicht das klassische Losstürmen auf den Volunteer wie das vielleicht bei einigen der anderen Projekten der Fall ist. Es herrscht eine ruhige Stimmung und auch auf meine Begrüßung wird nur sperrlich eingegangen. Die vier sind müde, das sieht man ihnen an.

Sie haben auch allen Grund dazu noch nicht ganz fit zu sein. Die Tatsache, dass ich aus noch wirklich sehr verschlafenen Augen angeschaut werde ist dem Umstand geschuldet, dass viele der Kinder, die die Unit besuchen, in ihrer Aufstehzeit von den Eltern abhängen. Deren Arbeit beginnt häufig bereits in den frühen Morgenstunden und da müssen die Kinder dann halt mit raus aus dem Bett. Das Mädchen vom Anfang der Erzählung kam um ca. 06:30 Uhr auf das Gelände von Upendo, aufgestanden ist sie aber sicherlich bereits gegen 05:00 Uhr und hat zusammen mit ihrer Tante, bei der sie aktuell wohnt das Haus um 05:30 Uhr verlassen. Nach einer Stunde alleine auf Kangemis Straßen überwiegt dann in der Regel die Langeweile, sodass nach etwas Ablenkung in der Unit gesucht wird. Und da der Unterricht erst um 08:30 Uhr beginnt, sprich die Lehrerin und die Ladies aus der Küche erst gegen 08:00 Uhr kommen sind es Javier und ich, die die morgendliche Bespaßung der Kinder übernehmen. Ein einfacher Dienst, der für die Kindern von großer Bedeutung ist, ihnen das Gefühl von Geborgenheit und dem Angenommen sein auf dem Gelände der Unit vermittelt. Upendo soll ein Zuhause für die Kinder sein, nicht nur ein einfaches Schulgebäude.

Der Zusammenhalt der Kinder und mir wird nur unmittelbar später auf eine harte Probe gestellt: Eine Schlange bedroht den Frieden in der Upendo Unit und lässt die Schar der Zwerge mit den roten Zipfelmützen hektisch nach Schutz suchen. Gifitg oder würgend? Nein: menschenfressend! Unter großer Aufregung verstecken ich mich zusammen mit zwei weiteren Kindern hinter dem Administrationsgebäude und werfe vorsichtig einen Blick auf das Untier. Gemeingefährlich schleichen da vier Schüler der Upendo Einheit umher, eine Menschenkette, die nur nach Beute sucht. „Sie kommen, sie kommen, schnell weg hier“ flüstert mir der Junge direkt hinter mir zu. Das eine Flucht allgemein aber nur dann Früchte trägt, wenn sie leise und unauffällig erfolgt, daran scheint er in diesem Moment nicht zu denken, johlend und quitschend wechselt er sein Versteck, wir werden natürlich prompt erkannt, die Menschenschlange setzt uns nach und mit den Worten „Snake Ben!“ sind wir „gefangen“, das heißt wir müssen uns in die Kette an Schülern, die bereits entdeckt worden sind einreihen.

Das Spiel zählt mit zu den all time favourits in der Unit und macht sogar mir wirklichen Spaß. Da man als Schlangenkopf immer auch den Namen desjenigen sagen muss, den man fangen möchte tat das Spiel sein übriges, dass ich herausfinden konnte, wie jeder genau heißt. Und da es als bereits gefangener Mitspieler schnell langweilig im „Bauch der Schlange“ werden konnte, war das Singen von Liedern eine gute Abwechslung und ein wahrer Eisbrecher zu den Kindern. Das störte natürlich oft denjenigen, der als Sucher möglichst Ruhe brauchte um aus dem Hinterhalt einige der Verstecker zu überraschen, das steigerte gleichzeitig aber auch den Schwierigkeitsgrad und machte das Spiel noch ein bisschen lustiger.

Um 08:30 Uhr startet dann die tägliche Routine der Upendo Unit mit Unterricht, Gruppenarbeiten und Hausaufgaben. Bis dahin haben die Kinder bereits zwei Stunden auf dem Gelände mit Spielen und Toben verbracht. Und obwohl die Bereitstellung von Unterricht die wichtigste Aufgabe vom Upendo OVC Programme ist, so liegt der Kern hinter Upendo doch genau in diesen zwei Stunden und jeder der noch so kleinen Pausen zwischen den Unterrichtseinheiten, der den Kindern Freiraum und uns als Freiwilligen die Interaktion mit den Schülern ermöglicht. Upendo bedeutet Liebe und diese Liebe/Fürsorge kann nicht nur durch bloßes Lernen weitergegeben werden, sondern hauptsächlich durch die eigene Zeit, die man ihnen schenkt.

Und somit sind wir auch „schon“ mit dem nächsten Artikel durch. Wie ihr bestimmt merkt muss ich mein Konzept mit diesem Blog wirklich mal grundlegend überdenken. Bis ich eine Lösung gefunden habe hoffe ich aber in den nächsten Tagen mit einigen weiteren Berichten aufzuholen. Im nächsten Artikel wird es nämlich wirklich spannend und aufregend für den Chor unserer Kirchgemeinde.

Bis dahin, viele Grüße aus Nairobi

 

 

Autor: Benedikt in Kangemi

Ich mache im Zeitraum vom Sommer 2018 bis Sommer 2019 einen Volunteereinsatz in Kangemi

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